Was ist eine Landrasse?

Landrassen sind für mich das Herz der Cannabis-Geschichte: Pflanzen, die über Generationen in einer bestimmten Region angebaut und weitergegeben wurden – lange bevor es Samenbanken und Kreuzungs-Hypes gab. Aber was genau ist eine Landrasse eigentlich, und woran erkennt man eine echte?
Die Definition
„Landrasse“ ist kein Cannabis-Begriff, sondern stammt aus der Pflanzenzüchtung allgemein – es gibt Landrassen bei Weizen, Mais oder Tomaten genauso. Eine viel zitierte Arbeitsdefinition lautet sinngemäß:
Eine Landrasse ist eine dynamische Population einer Kulturpflanze mit historischem Ursprung und eigener Identität, die keine formale Züchtung durchlaufen hat – und die oft genetisch vielfältig, lokal angepasst und mit traditionellen Anbausystemen verbunden ist.[1]
Wichtig ist das Wort „oft“: Die Autorinnen und Autoren betonen, dass nicht jede Landrasse alle Merkmale gleichzeitig erfüllen muss.[1] Der Begriff wird schon seit Langem unterschiedlich definiert.[5] gut belegt
Wie Landrassen entstanden sind

Eine große Genom-Studie mit 110 Proben aus aller Welt kam zu dem Ergebnis, dass Cannabis zuerst in der frühen Jungsteinzeit in Ostasien domestiziert wurde. Alle heutigen Hanf- und Drogensorten stammen demnach aus einem gemeinsamen Ursprungs-Genpool, der heute noch durch verwilderte Pflanzen und Landrassen in China vertreten ist.[2] Forschung im Fluss
Von dort aus verbreiteten Menschen die Pflanze über Jahrtausende. In jeder Region wählten Bäuerinnen und Bauern über Generationen die Pflanzen aus, die für ihre Zwecke und ihr Klima am besten passten. Wie stark Geografie, Klima und traditionelle Anbaupraxis eine Landrasse prägen, zeigt eine Studie an 145 iranischen Landrassen-Herkünften: Die Forschenden fanden drei genetisch unterscheidbare Gruppen, die genau von diesen Faktoren geformt waren.[6]
Landrasse vs. moderne Hybride & Polyhybride
| Landrasse | Moderne Hybride / „Polyhybride“ | |
|---|---|---|
| Entstehung | über Generationen lokal ausgelesen, ohne formale Züchtung[1] | gezielte Kreuzungen, oft aus vielen verschiedenen Linien |
| Herkunft | klar einer Region zuzuordnen[1] | Mischung aus Genetik verschiedener Herkünfte[3] |
| Vielfalt | oft genetisch vielfältig innerhalb der Population[1] | ausgelesen auf bestimmte Merkmale |
| Anpassung | oft an ihr Herkunftsklima angepasst[1] | häufig für Indoor-Bedingungen gezüchtet[1][3] |
„Polyhybrid“ ist übrigens kein wissenschaftlicher Fachbegriff, sondern Grower-Jargon für Sorten, in denen sehr viele Linien zusammengekreuzt wurden. Laut McPartland sind Kreuzungen inzwischen so allgegenwärtig, dass sie Unterschiede zwischen den ursprünglichen Populationen weitgehend verwischt haben.[3] Mehr zu den Begriffen findest du im Artikel Sativa, Indica & Hybride.
Warum Landrassen für die genetische Vielfalt zählen
Gut belegt
- Ganz allgemein steckt ein Großteil der genetischen Vielfalt von Kulturpflanzen in traditionellen Sorten – und diese sind vor allem dadurch bedroht, dass einheitliche moderne Sorten sie verdrängen.[1]
- Für Cannabis fehlt es bis heute an öffentlichen Genbanken. Fachleute fordern, Landrassen und ursprüngliche Populationen gezielt zu sammeln, zu erhalten und zu erforschen.[4]
Das Problem: Ist „Landrasse“ drin, wo „Landrasse“ draufsteht?
Schon vor über 30 Jahren waren unvermischte Pflanzen indischer Herkunft und afghanische Landrassen laut McPartland schwer zu bekommen.[3] Dazu kommt: Eine genetische Studie fand, dass Sortennamen oft keine sinnvolle genetische Identität widerspiegeln.[7] Ein Regionsname auf der Samenpackung ist also noch kein Beweis für eine echte, unvermischte Landrasse.
„Landrasse“ ist auf Samenpackungen kein geschützter Begriff. Ohne Angaben zur Herkunft – wo, wann und wie gesammelt, wie seitdem vermehrt – lässt sich die Echtheit nicht beurteilen. Und selbst eine echte Landrasse verändert sich, wenn sie fern der Heimat über Generationen vermehrt wird oder sich mit anderen Pflanzen kreuzt. Durch den Wegfall des ursprünglichen Selektionsdrucks (Klima, Höhenlage, Boden, UV-Strahlung) und kleine Populationsgrößen kommt es bei der Nachzucht außerhalb der Herkunftsregion (ex situ) bereits nach wenigen Generationen zu genetischer Drift und Anpassung an das neue Umfeld (Camacho Villa et al. 2005; Clarke & Merlin 2013; Small 2015; Casañas et al. 2017).[1][3][9]
Rechtlicher Hinweis: Für den privaten Eigenanbau dürfen Cannabissamen nur aus Mitgliedstaaten der EU eingeführt werden (§ 4 Abs. 2 KCanG).[8] Samen direkt aus den Herkunftsländern vieler Landrassen mitzubringen oder zu bestellen, ist für den Eigenanbau also nicht erlaubt.
Meine Erfahrung
Für mich gilt immer: „Kapier die Natur, dann kopier die Natur.“ Während moderne Hype-Hybride oft auf schnelle Blüte und einheitliche Zelt-Optik getrimmt sind, zeigen ursprüngliche Landrassen die ungefilterte Anpassungskraft der Pflanze an extreme Lebensräume – vom Hochgebirge des Hindukusch bis in die Tropen Südostasiens und Afrikas.
Mir geht es dabei nicht um das stärkste High, sondern um den Erhalt dieser genetischen Schatzkammer, ihre einzigartigen Terpenprofile und die Geschichte hinter jeder Herkunftsregion.
Hinweis: Persönliche Erfahrungen sind subjektiv und keine Empfehlung.
Quellen
Alle Links zuletzt geprüft am 22.10.2026.
- Camacho Villa TC, Maxted N, Scholten M, Ford-Lloyd B (2005): Defining and identifying crop landraces. Plant Genetic Resources 3(3):373–384. doi:10.1079/PGR200591 Übersichtsarbeit
- Ren G, Zhang X, Li Y et al. (2021): Large-scale whole-genome resequencing unravels the domestication history of Cannabis sativa. Science Advances 7(29):eabg2286. doi:10.1126/sciadv.abg2286 genetische Studie
- McPartland JM (2018): Cannabis Systematics at the Levels of Family, Genus, and Species. Cannabis and Cannabinoid Research 3(1):203–212. doi:10.1089/can.2018.0039 Übersichtsarbeit
- Torkamaneh D, Jones AMP (2022): Cannabis, the multibillion dollar plant that no genebank wanted. Genome 65(1):1–5. doi:10.1139/gen-2021-0016 Meinungsbeitrag
- Zeven AC (1998): Landraces: A review of definitions and classifications. Euphytica 104(2):127–139. doi:10.1023/A:1018683119237 Übersichtsarbeit
- Babaei M, Torkamaneh D (2026): Genetic architecture of phenological, morphological, and phytochemical traits in Cannabis landraces. The Plant Genome 19(2):e70243. doi:10.1002/tpg2.70243 genetische Studie
- Sawler J, Stout JM, Gardner KM et al. (2015): The Genetic Structure of Marijuana and Hemp. PLoS ONE 10(8):e0133292. doi:10.1371/journal.pone.0133292 genetische Studie
- Konsumcannabisgesetz (KCanG), § 4. gesetze-im-internet.de/kcang/__4.html Gesetz
- Casañas F, Simó J, Casals J, Prohens J (2017): Toward an Evolved Concept of Landrace. Frontiers in Plant Science 8:145. doi:10.3389/fpls.2017.00145 (sowie Clarke RC, Merlin MD 2013, Cannabis: Evolution and Ethnobotany; Small E 2015, Bot. Rev. 81:189–294) Übersichtsarbeit